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Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Oberdürrbacher Str. 6
97080 Würzburg
transfusionsmedizin@ukw.de

Direktor
Prof. Dr. med. Markus Böck
Universitätsklinikum Würzburg
Oberdürrbacher Straße 6
97080 Würzburg
Tel.: 09 31-201 313 00
Fax: 09 31-201 313 76
boeck_m@ukw.de

Vorlesung Transfusionsmedizin


ABO-System
Blutgruppenbe- stimmung auf Tüpfelplatte

Bedeutung für die Bluttransfusion

Blutgruppen Erythrozyten I (Das ABO-System)


Unter den bekannten 29 Blutgruppensystemen stellt das ABO-System das wohl wichtigste für die Bluttransfusion dar. Fehltransfusionen im ABO-System können vor allem bei der Transfusion von Erythrozytenkonzentraten zu letalen Transfusionszwischenfällen führen. Über 90% aller tödlichen Transfusionszwischenfälle sind auf Fehltransfusionen im ABO-System zurückzuführen.

Man unterscheidet:

a) Blutgruppengleiche Transfusion
b) Blutgruppenkompatible Transfusion


ad a) Blutgruppengleiche Transfusion
Darunter versteht man, dass die transfundierte Blutkomponente (Erythrozytenkonzentrat, Thrombozytenkonzentrat, Gefrorenes Frischplasma) und der Patient die gleiche Blutgruppe aufweisen. Dies sollte der Regelfall sein.
Es gibt jedoch Situationen, in denen man von dieser Regel abweichen muss, z.B. weil im Eilfall keine blutgruppengleichen Blutkomponenten verfügbar sind. In diesen Fällen muss man auf die sog. "blutgruppenkompatible Transfusion" ausweichen.

ad b) Blutgruppenkompatible Transfusion
Die „blutgruppenkompatible Transfusion“ ist dadurch definiert, dass es zwischen dem Blut des Patienten und der transfundierten Blutkomponente zu keiner für den Patienten schädlichen Antigen-Antikörper-Reaktion kommen kann. So finden sich bei der blutgruppenkompatiblen Transfusion im Serum des Patienten keine natürlichen oder irregulären Antikörper gegen zelluläre Bestandteile der transfundierten Blutkomponente bzw. im Plasma der transfundierten Blutkomponente keine natürlichen oder irregulären Antikörper gegen zelluläre Bestandteile des Patientenblutes.

Dies ist grundsätzlich bei der blutgruppengleichen Transfusion der Fall; daher ist eine blutgruppengleiche Transfusion per definitionem immer eine blutgruppenkompatible Transfusion. Es gibt aber auch andere Konstellationen, bei denen Blutgruppen-Kompatibilität gegeben ist. Welche Blutgruppenkonstellation für einen Patienten als „kompatibel“ betrachtet werden kann, hängt davon ab, welche Blutkomponente (Erythrozytenkonzentrat, Thrombozytenkonzentrat oder Gefrorenes Frischplasma) transfundiert wird.

 

ABO-System

Erythrozytenkonzentrate
Erythrozytenkonzentrate enthalten aufgrund des Herstellungsprozesses nahezu kein Plasma mehr. Daher besteht nicht die Gefahr, dass Spender-Isoagglutinine aus dem Erythrozytenkonzentrat auf den Erythrozyten des Patienten zu einer Antigen-Antikörper-Reaktion führen und eine hämolytische Anämie auslösen können. Dagegen besteht sehr wohl die Gefahr, dass Isoagglutinine im Serum des Patienten auf der Oberfläche der transfundierten Erythrozyten eine Antigen-Antikörper-Reaktion auslösen und zu einer massiven (häufig letalen) Hämolyse der transfundierten Erythrozyten führen können. Daher muss das Hauptaugenmerk auf die Vermeidung dieser Komplikation gerichtet sein.

Blutgruppe
Patient

Isoagglutinine
Patient

Kompatible Blut-
gruppe EKs

0

anti-A, anti-B

0

A

anti-B

A, 0

B

anti-A

B, 0

AB

-------

AB, A, B, 0

Man sieht also: für alle Patienten (unabhängig von deren Blutgruppe) gelten Erythrozytenkonzentrate der Blutgruppe 0 als ABO-kompatibel.

  

Bild Frischplasma gefroren

Gefrorenes Frischplasma (GFP)
GFP enthält kaum Erythrozyten, aber alle Isoagglutinine des Spenders in voller Konzentration. Daher spielt hier eine Antigen-Antikörper-Reaktion zwischen den Isoagglutinen des Patienten und den Erythrozyten im GFP praktisch keine Rolle, während eine Reaktion der Isoagglutinine aus den GFP mit den Erythrozyten des Patienten eine Hämolyse beim Patienten auslösen kann (zumindest wenn man größere Volumina transfundiert – Verdünnungseffekt!).

Blutgruppe
Patient

Kompatible Blut-
gruppe GFP

Bemerkung

0

0, A, B, AB

Anti-A und Anti-B im GFP stören nicht

A

A, AB

GFP darf kein anti-A enthalten

B

B, AB

GFP darf kein anti-B enthalten

AB

AB

GFP darf weder anti-Anoch anti-B enthalten

Man sieht also: für alle Patienten (unabhängig von deren Blutgruppe) gelten GFP der Blutgruppe AB als ABO-kompatibel.

 

Bild Thrombozytenkonzentrat

Thrombozytenkonzentrate
Bei Thrombozytenkonzentraten ist die Situation komplizierter. Da Thrombozyten auf ihrer Oberfläche ABO-Glykoproteine enthalten, können Isoagglutinine aus dem Patientenserum auf der Oberfläche der transfundierten Thrombozyten eine Antigen-Antikörper-Reaktion auslösen. Dies führt zu einer verkürzten Überlebenszeit der transfundierten Thrombozyten in der Zirkulation des Empfängers. Da im Plasma der Thrombozytenkonzentrate die Isoagglutinine des Spenders in voller Konzentration vorhanden sind, können diese nach der Transfusion auf der Oberfläche der Patientenerythrozyten ebenfalls eine Antigen-Antikörperreaktion auslösen. Die Folge kann eine hämolytische Anämie des Patienten sein.

Man sieht also: Bei Thrombozytenkonzentraten ist eine wirklich kompatible Transfusion nur die blutgruppengleiche Transfusion. Alle anderen Konstellationen sind quasi „semi-kompatibel“.

Bei den „semikompatiblen“, d.h. blutgruppenungleichen Thrombozytentransfusionen unterscheiden wir zwischen der sog. „major-kompatiblen“ und der „minor-kompatiblen“ Thrombozyten-Transfusion. Bei der „major-kompatiblen“ Transfusion finden sich im Serum des Patienten keine Isoagglutinine gegen die ABO-Eigenschaften auf den transfundierten Thrombozyten; bei der „minor-kompatiblen“ Transfusion finden sich im Plasma des Thrombozytenkonzentrates keine Isoagglutinine gegen die Erythrozyten des Patienten.

Blutgruppe
Patient

Major-kompatibles TK

Minor-kompatibles TK

0

0

0, A, B, AB

A

0,A

A, AB

B

0, B

B, AB

AB

O, A, B, AB

AB

Thrombozytenkonzentrate sollten - wenn möglich – blutgruppengleich transfundiert werden. Ist dies nicht möglich (z.B. weil entsprechende Präparate nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen), so sollte major-kompatibel transfundiert werden.

Transfundiert man allerdings mehrere Thrombozytenkonzentrate in kurzer Zeit, so muss man darauf achten, dass man nicht zu viele Isoagglutinine des Spenders auf den Empfänger überträgt (z.B. bei der Transfusion von Thrombozytenkonzentraten der Blutgruppe 0 auf Patienten der Blutgruppe A). Dies könnte – vor allem bei der Transfusion von mehreren Thrombozytenkonzentraten - zu einer Hämolyse der Empfängererythrozyten führen. Insbesondere bei der Transfusion von major-kompatiblen Thrombozytenkonzentrate an Säuglinge und Kinder unter 25 kg sind Komplikationen vorprogrammiert. Daher sollte man bei der Transfusion von mehreren Thrombozytenkonzentraten in kurzen Abständen oder bei der Transfusion an Kinder unter 25 kg – wenn eine blutgruppengleiche Transfusion nicht möglich ist – Thrombozytenkonzentrate minor-kompatibel transfundieren (auch wenn mit einer Antigen-Antikörper-Reaktion auf der Oberfläche der transfundierten Thrombozyten und mit einer verkürzten Überlebenszeit dieser Zellen im Kreislauf des Empfängers zu rechnen ist).