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Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Oberdürrbacher Str. 6
97080 Würzburg
transfusionsmedizin@ukw.de

HISTORISCHES

Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Geschichte der Bluttransfusion

Bereits im alten Ägypten glaubten die Menschen an die wundersame Heilkraft des Blutes. So badeten damals die an Lepra erkrankten Könige der Ägypter im Blut von geopferten Menschen und erhofften sich dadurch eine Heilung dieser Infektionskrankheit (daher kommt übrigens der Begriff „Blutbad“). C. Plinius Secundus der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) schreibt in seinen Naturalis Historia über diese "Therapiemaßnahme":

“Diximus elephantiasim ante Pompei Magni aetatem non accidisse in Italia; et ipsam a facie saepius incipientem, in nare prima veluti lenticula; mox inarescente per totum corpus, maculosa variis coloribus et inaequali cute, alibi crassa, alibi tenui, dura alibi ceu scabie aspera; ad postremum vero nigrescente et ad ossa carnes adprimente, intumescentibus digitis in pedibus manibusque. Aegypti peculiare hoc malum et, cum in reges incidisset, populis funebre, quipped in balineis solia temperabantur humano sanguine ad medicinam eam”

“Wir haben bereits gesagt, dass die Elephantiasis in Italien nicht vor der Zeit des Pompeius des Großen aufgetreten sei; auch sie beginnt ziemlich oft im Gesicht, und zwar zuerst an der Nase wie eine kleine Linse; dann vertrocknet am ganzen Körper die Haut, die verschiedenfarbige Flecken bekommt und ungleich wird, hier dick, dort dünn, anderswo hart und rau wie bei der Krätze; schließlich aber wird sie schwarz und drückt das Fleisch an die Knochen, wobei Zehen und Finger anschwellen. Dieses Übel ist in Ägypten vorherrschend und brachte, als die Könige von ihm befallen worden waren, auch dem Volk Verderben, da zu ihrer Heilung in den Bädern die Wannen mit Menschenblut versetzt wurden“ (übersetzt von R. König und G. Winkler, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1939 [die Autoren dieser Internetseite bedanken sich ganz herzlich bei den Mitarbeitern des Lehrstuhls für Ägyptologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg für die Auffindung dieser Literaturstelle und die fachliche Diskussion].

Auch in der griechischen Kultur wurden dem Blut heilende Eigenschaften zugeschrieben. Es galt damals als das ideale Mittel zur Verjüngung von alten Menschen.

Mit gezücktem Schwert öffnet Medea dem Greise Aeson die Gurgel, entlässt das alte Blut, füllt sie erneut mit frischem und sobald es Aeson durchströmt, verschwindet das weiße Haar, am Bart und Haupt wallt es in dunkler Lockenpracht. Falten und Blässe verschwinden, prall von erneutem Blut sind gefüllt die Adern. Jugendlich strotzt der neugeschaffene Aeson und fühlt sich wie einst in den Jahren der Jugend“
[Ovid, Medea].

Im alten Rom galt Blut als Heilmittel gegen die Epilepsie. So empfahl Plinius „fallsüchtigen“ Patienten, das Blut von gefallenen Gladiatoren zu trinken. Selbst im Mittelalter wurde Blut noch zu Verjüngungskuren eingesetzt. So soll der greise Papst Innozenz VIII (1336-1406) Blut von drei 10jährigen Knaben getrunken haben, um wieder die physischen Eigenschaften dieser Jünglinge zu erlangen.

Auch die Übertragung von Blut von einem Individuum auf ein anderes mittels Infusion ist keine neue Erfindung. Erste Überlegungen hierzu stammten von dem englischen Landgeistlichen F. Potter (1594-1678), der bereits 1640 über die Transfusion von Fremdblut als therapeutische Maßnahme spekuliert haben soll. Die erste erfolgreiche homologe Transfusion (Transfusion innerhalb einer Spezies) wurde im Jahre 1666 durchgeführt; Richard Lower (1631–1691) hatte einem Hund eine große Menge Blut eines anderen Hundes transfundiert. Es wird berichtet, daß diese Transfusion sehr erfolgreich verlaufen sein soll: der Hund „wälzte sich im Gras und zeigte kein anderes Zeichen von Beeinträchtigung, als wenn er ins Wasser geworfen worden wäre“.

Bereits ein Jahr später, am 15.6.1667 fand die erste Transfusion von Tierblut auf den Menschen statt. Es waren ein Mathematiker (B. Denis) und ein Chirurg (P. Emmerz), die einem 15-jährigen fiebernden Jungen, der wegen vielfacher Aderlässe (dies war die damals übliche Therapiemethode bei nahezu allen Erkrankungen) schon sehr geschwächt war, Blut eines jungen Lammes transfundierten. Angeblich hat der Patient diese Prozedur sogar überlebt, ohne Schaden zu erleiden. In den nächsten Jahrhunderten wurde diese Art der Bluttransfusion daher immer wieder angewandt. Es ist jedoch nicht schwer zu erraten, daß dies nicht gut gehen konnte. Die meisten Patienten überlebten derartige Transfusionen nicht. Trotzdem wurde dies immer wieder bis in das 19te Jahrhundert hinein versucht; manche Chirurgen empfahlen sogar, Soldaten sollten in der Schlacht ein Schaf auf dem Tornister mit sich führen, damit man nötigenfalls rasch eine Blutübertragung durchführen könne. Etwas vernünftigere Zeitgenossen konterten, daß ein frischer Lammbraten mit einer guten Flasche Rotwein sicherlich bessere Dienste tun würde. Erst Ende des 19ten Jahrhunderts konnte der Hallenser Chirurg R. Volkmann (1830-1889) mit seiner „Leichenrede zur Tierbluttransfusion“ diesem Unwesen ein Ende setzen: „Zur Übertragung von Schafsblut gehören drei Schafe: eines, dem man das Blut entnimmt, ein zweites, das es sich übertragen läßt und dazu ein drittes, das die Übertragung durchführt“.

Die erste homologe Transfusion am Menschen erfolgte 1818 in England durch J. Blundell (1790-1877), der an einem kachektischen Patienten als erster eine Bluttransfusion von Mensch zu Mensch durchführte. Den Ruf als "Vater der modernen Transfusionsmedizin" erwarb sich Blundell jedoch erst einige Jahre später, als er 1825 die Bluttransfusion als erfolgreiche Therapiemaßnahme an Frauen, die nach einer Geburt zu verbluten drohten, anwandte. In der Folgezeit wurde auch diese Form der Bluttransfusion immer wieder erprobt – mit wechselhaftem Erfolg. Folgendes überlieferte Zitat englischer Chirurgen Mitte des 19ten Jahrhunderts spricht Bände:

"Die Transfusion ist einer der sichersten chirurgischen Eingriffe. Die Sterberate liegt bei einem von drei Patienten. Damit ist sie noch niedriger als nach der Behandlung von Eingeweidebrüchen und entspricht etwa der Sterberate von Amputationen."

So verwundert es nicht, wenn Ernst von Bergmann (1836 - 1907) in seiner Rede zum Stiftungstag der Militärärztlichen Bildungsanstalten am 2. August 1883 erklärt: "Die vor noch nicht zehn Jahren prophezeite, neue, blutspendende Aera in der Medizin ist bereits im Keime erstickt und schnell zu Grabe getragen worden. Wir müssen uns eben im Können bescheiden, so lange wir noch im Wissen zurückstehen".

(Wer die gesamte Rede im Originaltext nachlesen will, kann das hier tun).

Eine wissenschaftliche Grundlage erhielt die Übertragung von Blut erst 1900 durch die Arbeiten von Karl Landsteiner (1868-1943), der als erster die Blutgruppeneigenschaften des ABO-Systems und die korrespondierenden Isoagglutinine beschrieb und der hierfür im Jahre 1930 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Die erste Blutbank der Welt wurde 1919 im Rockefeller-Institut in USA gegründet, die kommerzielle Herstellung von Testsera begann 1925 in Wien. Danach begann eine rasante Entwicklung in der Transfusionsmedizin. Bis heute sind 29 Blutgruppensysteme mit mehr als 600 verschiedenen Blutgruppenantigenen bekannt. Auch die Technik der Bluttransfusion hat enorme Fortschritte gemacht und wird kontinuierlich weiter entwickelt. Inzwischen zählt die Transfusion von Blut und Blutprodukten zu einer der häufigsten, wichtigsten und auch sichersten Therapiemaßnahmen der modernen Medizin. So werden allein in Deutschland mehr als 4 Millionen Erythrozytenkonzentrate pro Jahr übertragen; weltweit kann die Anzahl nicht einmal geschätzt werden. Ohne diesen Fortschritt wäre vieles, was heute zum Wohle der Patienten in der Medizin machbar ist, sicherlich nicht möglich.

Wer mehr über das Leben und Werk Karl Landsteiners, des eigentlichen "Vaters der modernen Transfusionsmedizin" nachlesen möchte, kann dies hier tun (Vortrag von Prof. Dr. M. Böck über das Leben und Werk Karl Landsteiners anlässlich der Vorlesungsreihe "Uni für Alle" der Universität Würzburg am 09.01.2007).

Geschichtliches des Instituts

Die eigentliche Geschichte des Instituts für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie beginnt im Jahre 1948. Damals wurde in der Chirurgischen Klinik der Universität Würzburg die erste Blutkonserve unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Lutzeyer hergestellt. Das Blut wurde in runden Standzylindern gesammelt, die mit einem Wattebausch (!) verschlossen waren. Die Übertragung wurde mit Hilfe eines Dreiwegesystems der Fa. Braun, Melsungen durchgeführt. 

1950 wurden für die Blutspende erstmals Vacuumflaschen eingesetzt; dies war damals eine revolutionierende Neuerung. Von dieser Zeit an wurden Konserven auch an andere Kliniken abgegeben. Damit besaß die Chirurgische Universitätsklinik Würzburg die erste Blutspendezentrale in Bayern. Die Jahresproduktion belief sich auf etwa 500 Konserven, der Mehrbedarf wurde von der Blutspendezentrale des Deutschen Roten Kreuzes in Frankfurt zugekauft.

Am 1. September 1959 übernahm Dr. A. G. Gathof aus der Blutspendezentrale in Frankfurt die Leitung der Transfusionsmedizin in Würzburg. Im folgenden Jahr wurden (in Kooperation mit dem Bayerischen Roten Kreuz) bereits ca. 30 000 Konserven produziert und an viele bayerische Krankenhäuser geliefert. Nachdem Dr. Gathof zum Bayerischen Roten Kreuz übergewechselt war, wurde Frau Dr. Ch. Thomas als Leiterin der Abteilung berufen. Als sie im Herbst 1962 nach Bonn verzog, übernahm am 1.8.1962 ein junger Anästhesist, der spätere Prof. Dr. D. Wiebecke, ihre Funktion. Auf 120 m2 Fläche wurden damals 6000 Konserven jährlich hergestellt; hinzu kam der immunhämatologische Konsiliardienst sowie die gesamte zugehörige Labordiagnostik. Die Produktion konnte in den folgenden Jahren sogar bis auf 8500 Konserven pro Jahr gesteigert werden.

Nachdem 1967 die Blutspendezentrale in die neu erstellten Räume der Chirurgischen Klinik verlegt worden war, wurde mit der Technik der manuellen Plasmapherese begonnen. Zunächst nur zur Gewinnung von Hyperimmunplasma (z.B. Tetanus, Pocken, Windpocken), von irregulären Antikörpern (z.B. anti-D), von Kryopräzipitaten und später auch von gefrorenem Frischplasma. 1970 wurde die Blutspendezentrale in „Abteilung für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie“ umbenannt, mit Wirkung vom 1. November 1974 erhielt sie den Status einer selbstständigen Abteilung.

1977 erfolgte die Anschaffung des ersten Zellseparators für die Therapie. Diese bestand zunächst in Plasmaaustauschbehandlungen, später auch in therapeutischen Zytapheresen. Nachdem langsam der Platz viel zu eng geworden war, erhielt die Abteilung 1982 zusätzliche Räume im 2ten Obergeschoß im damaligen Bau 15 (heute Haus D 12). Diese wurden in den Folgejahren in mehreren Schritten renoviert. Im Dezember 1998 war diese Renovierung vollständig abgeschlossen und die Räume konnten in ihrer endgültigen Form in Betrieb genommen werden. Bis zum Jahre 2010 dienten sie ausschließlich der therapeutischen Hämapherese sowie der Herstellung von Blutbestandteilen, während sämtliche Laboratorien und die Ausgabe der Konserven zunächst für fast 18 Monate in einen Container umsiedeln mussten. Dies war nötig geworden, um die in die Jahre gekommenen Labore in der Chirurgischen Klinik renovieren zu können. Im September 2000 war auch diese Renovierung abgeschlossen und die transfusionsmedizinischen Laboratorien konnten wieder in ihre angestammten, nun aber den Anforderungen der modernen Medizin komplett angepaßten Räumlichkeiten in der Chirurgischen Klinik, Haus D 17 (ehemals Gebäude 6) zurück siedeln.

Im Herbst 2001 kam ein vollkommen neuer Laborbereich hinzu. Für die Herstellung und Lagerung von Stammzelltransplantaten wurde in Containerbauweise ein hochtechnisierter Laborbereich errichtet, der als erster in Würzburg die strengen GMP-Vorschriften der Europäischen Union für die Präparation solcher Arzneimittel erfüllte. In diesem Labor (Haus D 10) werden seitdem in praktisch staub- und keimfreier Luft Stammzellkonzentrate aufgearbeitet und bei ca. – 140ºC tiefgefroren.

Im März 2004 zog mit Fertigstellung des Zentrums Operative Medizin (ZOM) des Universitätsklinikums Würzburg der Blutdepot-Bereich sowie das immunhämatologische Labor wieder aus Haus D 17 aus und siedelte in neue Räumlichkeiten im ZOM um. Ein Jahr später folgten das HLA-Labor, die Stammzellspender-Datei, das Quarantänelager für Gefrorene Frischplasmen sowie die Direktion des Instituts nach. Damit hatte das Institut das Gebäude der Chirurgischen Klinik (Haus D17, ehemals Bau 6), in dem sie seit über 50 Jahren beheimatet war, entgültig verlassen und war nun auf 3 Standorte innerhalb des Klinikum-Geländes aufgeteilt.

Fünf Jahre später, im Mai 2010, fand ein erneuter Umzug statt. Der Blutspende- / Therapiebereich des Instituts verließ seine "alt angestammten Räume" im Haus D 12, in denen es seit fast 28 Jahren beheimatet war, um in die neu fertig gestellte Räumlichkeiten des Zentrums für Innere Medizin (ZIM) umzuziehen. Damit sind nun alle wesentliche Bereiche des Instituts in einem einzigen Gebäudekomplex (ZOM/ZIM) vereint. Nur noch das im Sprachgebrauch als "GMP- Bereich" bezeichnete Stammmzelllabor befindet sich im Altbaubereich des Universitätsklinikums. Aber auch dieses Labor wird nach Fertigstellung der neuen Reinräume im Zentrum für Innere Medizin (ZIM) dorthin umziehen.

Am 1. Juli 2007 erhielt die Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Würzburg einen neuen Status. Die Abteilung für Transfusionsmedizin, die bis dahin der Chirurgischen Klinik I zugeordnet war, wurde in ein eigenständiges Institut umgewandelt. Dieses Institut trägt den Namen "Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie".